Disziplinierung, Zivilisierung, Moralisierung Selbstkultivierung nach Kant
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(2) 18. NCCU Philosophical Journal Vol.13. die Menschheit als solche zu stehen. Darin war bereits das Programm enthalten, Angehörige anderer Schichten, Arme und Arbeiter einerseits, Adlige andererseits zu humanisieren, indem ihnen die bürgerlichen Normen und Lebensformen vermittelt wurden.1 Dieses bürgerliche Programm der Selbstkultivierung ist schon von den Frühaufklärern formuliert worden: Es geht um die Erziehung des Menschen zum Menschen. Comenius’ siebenteiliges Werk Allgemeine Beratung und Verbesserung der menschlichen Dinge (1647-1670) enthält als vierten Teil die Pampaedia, d.h. also die Allerziehung. Comenius hat darin Erziehung als ein Programm entworfen, das nicht nur jedermann; sondern jedermann von der Wiege bis zu Bahre formen sollte. Erziehung und Schule sind zwar sei der Antike ein fester Bestand der europäischen Kultur. Sie bezogen sich jedoch niemals auf jedermann, sondern sie waren für die Reichen und Herrschenden da und dienten der Ausbildung höherer Kompetenzen und der vornehmen Selbststilisierung. Außerdem bezogen sie sich fast ausschließlich auf das männliche Geschlecht. Erst mit Comenius wird Erziehung etwas, was den Menschen als Menschen betrifft. Kant fasst in seiner Pädagogikvorlesung, also am Ende der Aufklärung die Sichtweise der Allerziehung charakteristisch in seiner These zusammen: Der Mensch kann nur Mensch werden durch Erziehung.2. 1. 2. Entsprechend äußert sich Kant zur Fürstenerziehung: "Doch ist es noch immer besser, dass sie von jemand aus der Zahl der Untertanen erzogen werden, als wenn sie von ihresgleichen erzogen würden", Immanuel Kant, Über Pädagogik (1803), Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel), Bd. VI, Darmstadt: WB 1964, S. 705 (A 20). Die in Klammern mit A und B hinzugefügten Seitenzahlen beziehen sich jeweils auf die 1. bzw. 2. Originalausgabe der entsprechenden Schrift. Kant, Über Pädagogik, aaO. S. 699 (A 7)..
(3) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 19. Das heißt also, dass der Mensch noch nicht eigentlich Mensch ist, so wie er je nach den Umständen sich entwickeln mag, dass also der empirisch vorfindliche Mensch in der Regel nicht eigentlich Mensch ist, weil er hinter der Bestimmung des Menschen zurückbleibt. Und die besteht darin, ein vernünftiges Lebewesen zu sein. Der Mensch wird sich damit selbst zum Projekt. Kant bringt das unmissverständlich zum Ausdruck, indem er die klassische Formel zur Definition des Menschen, er sei ein animal rationale abwandelt in die Formel der Mensch sei ein animal rationabile3: Zwar gehört Vernunft zur menschlichen Naturanlage, doch nur als pure Möglichkeit. Der Mensch, wie er empirisch vorkommt, ist nicht vernünftig: er soll es vielmehr werden. Dieses Projekt der Erziehung des Menschen zum Menschen bezeichnet Kant auch explizit als Selbstkultivierung.4 Erziehung bezeichnet neben Natur, Geschichte und Wissenschaft eine der vier Hauptdimensionen des Projektes der Moderne. 5 Die Aufklärung darf deshalb nicht allein als ein Unternehmen der Kritik angesehen werden. Sie ist vielmehr eine umfassende Erziehungsbewegung. Dazu gehören in Deutschland und der Schweiz die Gründungen der Arbeitsschulen, dazu gehört das Dessauer Philanthropin, und viele andere Schulgründungen, die dann. 3. 4. 5. Der Mensch ist vermögend, "sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfektionieren; wodurch er, als mit Vernunftfähigkeit begabtes Tier (animal rationabile), aus sich selbst ein vernünftiges Tier (animal rationale) machen kann", Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798), in: Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel) Bd. VI, Darmstadt: WB 1964, S. 673, (A 315). Der Mensch soll seine Anlagen zum Guten erst entwickeln; die Vorsehung hat sie nicht schon fertig in ihn gelegt; es sind bloße Anlagen und ohne den Unterschied der Moralität. Sich selbst besser zu machen, sich selbst zu kultivieren, und wenn er böse ist, Moralität bei sich hervorzubringen, das soll der Mensch". Kant, Über Pädagogik, aaO. S. 702 (A14). Sie dazu mein Buch Einführung in die Philosophie, Weltweisheit-Lebensform-Wissenschaft Frankfurt/M.: Suhrkamp, 4. Aufl. 2001, Teil I..
(4) 20. NCCU Philosophical Journal Vol.13. im 19. Jahrhundert zur allgemeinen Volksschule führen. Viele der großen Aufklärer verfassten pädagogischen Schriften, so Rousseau, Pestalozzi, Salzmann, J. H. Kampe – und Kant war mit diesen Schriften vertraut. Die aufklärerischen Zeitschriften verschrieben sich ebenfalls der allgemeinen Bildung. Schließlich ist zu diesem Komplex noch die ausgedehnte Gattung der Schriften zur Diätetik zu rechnen: Tissot, Hufeland, Zimmermann. Sie gaben sich als Anleitungen zu einer rationalen Lebensführung allgemein oder speziell für die höheren Stände, den Landmann, das Frauenzimmer u.s.w. Das Selbstkultivierungsprogramm der Aufklärung unterscheidet sich deshalb von seinen Vorgängern vor allem durch die Massenwirksamkeit. Vermittelt durch die Schule, die Ärzteschaft, das Militär, durch Berufsausbildungen in Handwerk und Industrie erreichte es praktisch jedermann und wird in der Folge maßgebend für die Formation des europäischen Menschen. Die charakteristischen Typen des Gelehrten, der Lehrers, des Beamten, des Soldaten, der Industriearbeiters, sind ohne das Erziehungsprogramm des Aufklärung nicht denkbar. Es ist verantwortlich für die Formation des Subjektes im allgemeinen, wie für die rationale Lebensführung im besonderen. Wir haben nun seit dem 20. Jahrhundert Anlass, dieses Programm der Selbstkultivierung einer Revision zu unterziehen. Es sind die Selbsterfahrungen, die der europäische Mensch im 20. Jahrhundert mit sich gemacht hat, die dazu zwingen. Der Philosoph Adorno hat diese Erfahrungen auf die prägnante Formel gebracht: Auschwitz (hat) das Misslingen der Kultur unwiderleglich bewiesen. 6. 6. Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1966, S. 357..
(5) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 21. In dieser Formel meint er mit Kultur nicht, wie sonst häufig, so etwas wie Musik und bildende Kunst, sondern er meint das Projekt der Selbstkultivierung, das für die Formation der europäischen Menschen verantwortlich ist. Er hat den Zusammenhang dieser Form von Selbstkultivierung mit dem Heraufkommen neuer Barbarei im 20. Jahrhundert zusammen mit Horkheimer als Dialektik der Aufklärung beschrieben. Um die Frage nach einer anderen Form der Selbstkultivierung zu stellen, ist es notwendig, das Projekt der Moderne allgemein und das zugehörige Programm einer Erziehung des Menschen zum Menschen einer Revision zu unterziehen. Das geschieht am besten dort, wo seine weitreichenden Implikationen deutlich werden, nämlich bei Immanuel Kant. Dabei wird sich die Einheit der kantischen Philosophie und der Zusammenhang seiner Schriften in neuer Weise erschließen.. 2. Die Kantische Philosophie aus der Perspektive der Selbstkultivierung gesehen Das Kantische Programm der Selbstkultivierung findet sich vor allem in seinen Schriften Über Pädagogik (1803) und Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798), bestimmt jedoch, wie wir sehen werden, ebenso die Struktur seines Hauptwerkes, wie es uns in den drei Kritiken entgegentritt. Die Kultivierung des Menschen zum Menschen ist nach Kant gegliedert in Disziplinierung, Zivilisierung.
(6) 22. NCCU Philosophical Journal Vol.13. und Moralisierung. 7 Die drei Weisen der Selbstkultivierung sind zugleich auch als Phasen oder Stufen der Bildung des Menschen zum Menschen anzusehen. Damit sind sowohl ontogenetische wie auch phylogenetische Phasen und Stufen der Entwicklung gemeint. Sowohl der heranwachsende Mensch, wie auch die Menschheit muß diese Phasen durchlaufen. 8 Ich erläutere die einzelnen Phasen zunächst mit Zitaten aus Kants Pädagogik: Disziplinieren heißt suchen zu verhüten, dass die Tierheit nicht der Menschheit, in dem einzelnen sowohl, als gesellschaftlichen Menschen, zum Schaden gereiche. Disziplin ist also Bezähmung der Wildheit.9 Disziplinierung ist also die Selbstkultivierung, durch die sich der Mensch von seiner Animalität frei macht. Da er als lebendes Wesen gleichwohl auf diese Animalität angewiesen bleibt, kann es sich nur um eine Disziplinierung handeln, das heißt um Einschränkung, Abrichtung und Instrumentalisierung der animalischen Kräfte und Regungen im Menschen. Zur Zivilisierung führt Kant aus, man müsse darauf sehen, dass der Mensch auch klug werde, in die menschliche Gesellschaft passe, dass er beliebt sei, und Einfluss habe. Hiezu gehört eine gewisse Art von Kultur, die man. 7. 8. 9. Die Terminologie ist bei Kant nicht einheitlich. Ich beziehe mich hier primär auf Über Pädagogik , aaO. S. 706 f. (A 23). Dort ist allerdings von vier Phasen die Rede: Disziplinierung, Kultivierung, Zivilisierung, Moralisierung, wobei die Phase der Kultivierung das Erwerben von Geschicklichkeiten, wie z.b. Lesen und Schreiben umfasst. Diese Phase kann für unseren Zusammenhang unbehandelt bleiben. Den Ausdruck Kultivierung benutzt er auch gelegentlich, wie schon erwähnt, für das Ganze, so z.B. aaO. S. 729 (A 72). Erwägungen zur Beziehung von Ontogenetik und Phylogenetik in: Kant, Über Pädagogik , aaO. S 703 (A 15). Kant, Über Pädagogik, aaO. S 706 (A 22)..
(7) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 23. Zivilisierung nennet. Zu derselben sind Manieren, Artigkeit und eine gewisse Klugheit erforderlich, der zufolge man alle Menschen zu seinen Endzwecken gebrauchen kann. Sie richtet sich nach dem wandelbaren Geschmacke jedes Zeitalters.10 Es handelt sich bei der Zivilisierung des Menschen also darum, dass er gesellschaftsfähig wird, in dem doppelten Sinne von gesellschaftstüchtig und gesittet. Die unangenehmen Töne, die wir in Kants Formulierung hören, resultieren teils aus der bürgerlich utilitaristischen Auffassung von Gesellschaft, teils aber auch daraus, dass wir uns hier noch nicht auf der Ebene von Moral befinden. Schließlich zu der Phase oder Entwicklungsstufe, die Kant Moralisierung nennt: Der Mensch soll nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnungen bekommen, dass er nur lauter gute Zwecke erwähle. Gute Zwecke sind diejenigen, die notwendigerweise von jedermann gebilligt werden; und die auch zu gleicher Zeit jedermanns Zwecke sein können.11 Wir erkennen hier die Kantische Bestimmung des Guten als des Allgemeinen. In der Moralisierung geht es um die Ausbildung einer bestimmten Gesinnung, aus der heraus Zwecke gewählt werden, die allgemeine Zustimmung finden können. Der Übergang dieses Drei-Phasen-Schemas zur Systemstruktur der Kantischen Kritiken zeigt sich nun, wenn man die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht hinzunimmt. Die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht ist für das Kantische Konzept der Selbstkultivierung zentral, insofern sie den Menschen betrachtet unter dem Gesichtspunkt, was er aus sich machen kann:. 10 11. Kant, Über Pädagogik, aaO. S 706f. (A 23). Ibid, aaO. S. 707 (A 23)..
(8) 24. NCCU Philosophical Journal Vol.13. Die physiologische Menschenkenntnis geht auf die Erforschung dessen, was die Natur aus dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er, als freihandelndes Wesen, aus sich selber macht, oder machen kann und soll.12 Kant bringt nun gleich am Anfang dieser Schrift im ersten Teil unter der Überschrift Vom Bewusstsein seiner selbst einen Paragraphen Vom Egoism. Der Egoismus tritt unter anthropologische Gesichtspunkten in dreierlei Form auf: Der Egoism kann dreierlei Anmaßungen enthalten: die des Verstandes, des Geschmacks und des praktischen Interesse(s), d.i. er kann logisch, oder ästhetisch, oder praktisch sein.13 Es gibt, das ist Kants Meinung, einen Egoismus im Bereich der Erkenntnis, einen Egoismus im Bereich der Ästhetik und einen Egoismus im Bereich der Moral. Egoist im Bereich der Erkenntnis ist man, wenn man nicht bereit ist, das eigene Urteil so zu bilden, dass es mit dem Urteil anderer zusammenstimmt. Egoist im ästhetischen Bereich ist jemand, der sich in seinem Geschmack nur nach dem richtet, was ihm gefällt, also sich einer Geschmacksbildung verweigert. Egoist im moralischen Sinne ist jemand, der sich in seinem Verhalten nur am eigenen Nutzen und der eigenen Glückseligkeit orientiert, und nicht nach Begriffen von Pflicht. Was den jeweiligen Egoismus zu überwinden erlaubt, ist nun Disziplinierung, Zivilisierung, Moralisierung. Wenn man das als richtig akzeptiert, dann ergibt sich folgende Zuordnung des Programm der Selbstkultivierung zu Kants drei Kritiken:. 12 13. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S. 399. Ibid, aaO. S. 409 (A 6)..
(9) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 25. In der Kritik der reinen Vernunft geht es wesentlich um Disziplinierung: Das Erkenntnisvermögen eines Menschen muß so ausgebildet werden, dass dessen Erkenntnis objektiv werde. Die zentrale Disziplinierungsarbeit muß an der Einbildungskraft geleistet werden. Es geht allgemein um Etablierung der Herrschaft des Verstandes, wodurch der Mensch zum autonomen Erkenntnissubjekt wird. In der Kritik der Urteilskraft geht es, soweit es sich bei dieser Schrift um Kants Ästhetik handelt, wesentlich um die Ausbildung des Geschmacks. Der Geschmack soll zu einem Wohlgefallen am Schönen gebildet werden, weil nämlich dass Schöne die Geselligkeit fördert. Es geht darum, sich so zu bilden, dass die eigenen Präferenzen, also Lust und Unlust an Gegenständen, kommunizierbar werden, und das heißt für Kant: es geht darum, ein zivilisierter Mensch zu werden. In der Kritik der praktischen Vernunft geht es wesentlich um die Ausbildung der Achtung vor dem Gesetz, durch die der Mensch zu einem moralischen Subjekt wird. Dieses Schema muß nun im einzelnen ausgearbeitet werden. Allgemein kann man sagen, dass es sich bei diesem aufklärerischen Programm der Selbstkultivierung um die Einbindung des Individuums in die Allgemeinheit handelt. Es geht um die Einbindung des Urteils des einzelnen in den allen Menschen gemeinsamen Erfahrungszusammenhang, um die Einbindung des Einzelnen in die Gemeinschaft zivilisierten Lebens, und schließlich um die Einbindung des Einzelnen in das Reich der Vernünftigen..
(10) 26. NCCU Philosophical Journal Vol.13. 3. Disziplinierung Man wird etwas überrascht sein, das Unternehmen der Kritik der reinen Vernunft als Phase der Disziplinierung im Programm der Selbstkultivierung bezeichnet zu sehen. Das liegt an Zweierlei. Einerseits ist Kants Unternehmen der Vernunftkritik so erfolgreich gewesen, dass man ganz vergessen hat, dass Kants Ziel die Disziplinierung der Vernunft war, ihre schwärmerisches Ausschweifen zu zügeln, ihren Träumereien ein Ende zu bereiten. Man hat übersehen oder vergessen, dass Kants kritische Philosophie im Zusammenhang seiner Analyse von Swedenborgs Spekulationen entstanden ist, dass sich die Grundpositionen der Kritik der reinen Vernunft zum ersten Mal 15 Jahre vor deren Publikation in der Schrift Träume eines Geistersehers erläutert durch die Träume der Vernunft finden.14 Man liest die Kritik der reinen Vernunft als eine Schrift zur Begründung objektiver Erkenntnis und kommt dann gar nicht mehr zu dem Teil, indem Kant seine Ergebnisse vorlegt, nämlich zur transzendenten Methodenlehre, deren eine Hälfte die Disziplin der reinen Vernunft ausmacht. Hier finden wir Formulierungen, die denen aus Kants Pädagogik sehr ähnlich sind. Die Vernunft muß gebändigt werden, wo sie den reinen Verstandesgebrauch überschreitet und ihre Naturanlage zur Erkenntniserweiterung folgend ins Schwärmen gerät: Wo aber weder empirische noch reine Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in ihrem transzendentalen Gebrauche, nach bloßen Begriffen, da bedarf sie so sehr der Disziplin, die ihren Hang zur Erweiterung, über die engen Grenzen möglicher Erfahrung,. 14. Siehe den Nachweis dazu in Hartmut Böhme und Gernot Böhme, Das Andere der Vernunft. Zur Entwicklung von Rationalitätsstrukturen am Beispiel Kants,(1983).Taschenbuchausgabe, Frankfurt/M.: Suhrkamp 3. Aufl. 2003; S.250-261..
(11) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 27. bändige, und sie von Ausschweifung und Irrtum abhalte, dass auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft bloß mit diesem negativen Nutzen zu tun hat.15 Der zweite Grund, warum man in der Regel die Kritik der reinen Vernunft nicht als ein Disziplinierungsunternehmen ansieht, liegt in einen vulgären Lesart der Kantischen Erkenntnistheorie. Diese Lesart besagt folgendes: Es gibt ein Erkenntnissubjekt, auf das wir alle unsere Vorstellungen beziehen und dieses Erkenntnissubjekt hat bestimmte Kategorien und Anschauungsformen, durch die ihm die Erkenntnisgegenstände gegeben sind. Sie wirken wie eine farbige Brille. Deshalb erkennen wir die Dinge nicht, wie sie an sich sind, sondern nur wie sie uns erscheinen. Diese Lesart muß folgendermaßen richtig gestellt werden: Es gibt nicht ein Erkenntnissubjekt, vielmehr muß die transzendentale Apperzeption erst im Akt der Erkenntnis herausgebildet werden, indem der Mensch die Mannigfaltigkeit seiner Vorstellungen den Kategorien entsprechend verbindet. Durch diesen Akt der Synthesis wird den einzelnen Vorstellungen erst die Vorstellung ich denke angeheftet, so dass dann analytisch daraus die Identität des Subjektes gewonnen werden kann. Kant drückt das folgendermaßen aus: Denn das empirische Bewusstsein, welches verschiedene Vorstellungen begleitet, ist an sich zerstreut und ohne Beziehung auf die Identität des Subjekts. Diese Beziehung geschieht also dadurch noch nicht, dass ich jede Vorstellung mit Bewusstsein begleite, sondern dass ich eine zu der anderen hinzusetze und mir der Synthesis derselben bewusst bin. Also nur dadurch, dass ich ein Mannigfaltiges gegebener Vorstellungen in einem Bewusstsein verbinden kann, ist es möglich, dass ich mir die Identität des Bewusstseins in diesen Vorstellungen. 15. Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 711/B 739..
(12) 28. NCCU Philosophical Journal Vol.13. selbst vorstelle, d.i. die analytische Einheit der Apperzeption ist nur unter der Voraussetzung irgendeiner synthetischen möglich.16 Das heißt also: der Mensch hat nicht einfach ein Erkenntnissubjekt, sondern er muß es ausbilden, will er am gemeinschaftlichen Unternehmen objektiver Erkenntnis teilnehmen. Das tut er, indem er die Kategorien zur Anwendung bringt, und sich damit im Denken einer Disziplin unterwirft. Die Kategorien sind nämlich nach Kant keine angeborenen Denkformen, sondern vielmehr Regeln, denen man folgen kann – oder auch nicht. Das Befolgen dieser Regeln wird in erster Linie in der Sozialisation von Wissenschaftlern eingeübt, gehört aber mehr und mehr zum Grundtraining der Intelligenzentwicklung für alle kompetenten Angehörigen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation.17 Ich sagte bereits, dass die Disziplinierung der Einbildungskraft ein wesentliches Moment der Ausbildung objektiver Erkenntnis ist. Es geht darum, dieses bildgebende Vermögen, also bei Kant das Vermögen der Anschauungen, so zu disziplinieren, dass es nicht schwärmt und Phantasmata produziert, sondern objektiver Erkenntnis dienstbar wird. Das ist umso nötiger als gerade diesem Vermögen die Schlüsselrolle im Erkenntnisprozess zukommt: Ist nach Kant Erkenntnis immer eine Verbindung von Anschauung und Begriff, so ist es die Einbildungskraft, die diese Verbindung zu Wege bringt. Der entscheidende Vorgang wird von Kant in der Kritik der reinen Vernunft im Schematismuskapitel beschrieben. Die Schemata sind die Verfahren, in denen die Verstandskategorien als Regeln der. 16 17. Kant, Kritik der reinen Vernunft, § 16, B 133. Man kann das sehr gut studieren in der Anlage der Piaget’schen Experimente zur Intelligenzentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Sie testen genau genommen keine natürliche Entwicklung der Intelligenz, sondern der Intelligenzentwicklung, wie sie im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation präferiert und durch alltägliche Konstellationen und Aufgaben gefördert wird..
(13) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 29. Formation von Anschauungen wirksam werden. Kant formuliert das so: Der Verstand bestimmt unter dem Namen der Einbildungskraft die Sinnlichkeit. 18 Das ist die schärfste Formulierung für die Disziplinierung der Einbildungskraft: sie wird von Kant nur gebilligt, insofern sie dem Verstand zu Diensten steht und so schließlich zu einer Funktion der Verstandes selbst wird.19 Diese Disziplinierung der Einbildungskraft im Bereich der Erkenntnistheorie ist nur der Gipfel der Kantischen Auseinandersetzung mit diesem Vermögen. Die Einbildungskraft ist bei ihm die Gefährdung von Humanität schlechthin, insofern diese in vernünftigem Selbstbesitz bestehen soll. Ganz im Sinne dessen, was wir aus seiner Pädagogik gehört haben, handelt es sich um die Unterwerfung der Animalität im Menschen. Die Einbildungskraft ist nämlich der Repräsentant der Animalität im Gemüt. Sie gehört zur Vitalkraft. Am deutlichsten wird dies durch ihre Rolle als traumproduzierendes Vermögen. Kant hält die Träume für notwendig, weil sie es sind, die die Lebensgeister im Schlaf immer wieder agitieren. Wenn wir nicht träumten im Schlaf, würden wir sterben.20 Schon hier sieht Kant Gefahren, weil nämlich das Träumen in den Wachzustand ausufern könnte. Kant empfiehlt deshalb in seiner. 18. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 162 Anm. "Es ist eine und dieselbe Spontaneität, welche dort, unter dem Namen der Einbildungskraft, hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung hineinbringt." 19 In der Pädagogik heißt es allgemein: "Die Hauptregel hiebei (bei der Kultivierung der Gemütskräfte, GB.) ist, dass keine Gemütskraft einzeln für sich, sondern jede nur in Beziehung auf die andere müsse kultiviert werden; z.E. die Einbildungskraft nur zum Vorteile des Verstandes." Kant, Über Pädagogik (1803), aaO. S 731 (A 78). 20 "Das Träumen scheint zum Schlafen so notwendig zu gehören, dass Schlafen und Sterben einerlei sein würden, wenn der Traum nicht als eine natürliche, obzwar unwillkürliche Agitation der inneren Lebensorgane durch die Einbildungskraft hinzukäme" Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S. 496 (A 104 f.), ebenso: aaO. S. 477 (A 80 f.)..
(14) 30. NCCU Philosophical Journal Vol.13. Anthropologie die diätetische Regel, früh zu Bett zu gehen und früh schnell und entschieden aufzustehen.21 Der Einbildungskraft ist in der Anthropologie ein umfangreicher Komplex von Paragraphen gewidmet. Kant macht dort die Einbildungskraft für alle möglichen Leiden, Krankheiten, Abnormitäten, Entgleisungen verantwortlich. Angefangen mit der Hypochondrie, mit der er selbst Zeit seines Lebens zu kämpfen hatte, über Trunkenheit, Schwärmerei, Enthusiasmus, Krankheiten des Kopfes allgemein, Wahnsinn und Wahnwitz insbesondere – überall sieht er eine ungezügelte Einbildungskraft im Hintergrund. Wir erkennen in dieser Litanei einige typische Feinde der Aufklärung. Charakteristisch ist stets, was Kant speziell als Merkmal der Trunkenheit anführt: dass der betroffene Mensch "die Sinnenvorstellungen nach Erfahrungsgesetzen zu ordnen auf eine Zeitlang unvermögend wird". 22 Die Einbildungskraft bedroht die nüchterne, sachliche Einstellung in der Erkenntnis, und davor schon: sie verwischt die entscheidende Grenze zwischen Traum und Wahrnehmung. Aber es steht noch mehr auf dem Spiel, nämlich die Autonomie der Person selbst. Kant konstatiert, dass "die Grenzlinie des Selbstbesitzes so leicht übersehen und überschritten werden kann."23 Kant ist sich durchaus im Klaren darüber, dass die produktive Einbildungskraft für Kunst und Wissenschaft notwendig ist. Er bezeichnet Einbildungskraft in diesem positiven Sinne als Genie. Seine Formulierung zeigt jedoch, dass er den Begriff zögernd und mit Vorbehalt einführt – auch hier behält die Einbildungskraft ihren bedrohlichen Charakter:. 21. "Daher die Bezähmung seiner Einbildungskraft durch frühes Schlafengehen, um früh wieder aufstehen zu können, eine zur psychologischen Diät gehörige sehr nützliche Regel", Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S. 484 (A 91). 22 Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S. 469 (A 71). 23 Ibid, aaO. S. 470 (A 72)..
(15) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 31. Die Originalität (nicht nachgeahmte Produktion) der Einbildungskraft, wenn sie zum Begriff zusammenstimmt, heißt Genie, stimmt sie dazu nicht zusammen, Schwärmerei.24 Er hätte es wohl von sich gewiesen, sich selbst als Genie zu bezeichnen, nicht aus Bescheidenheit, sondern weil der die allgemeine Meinung teilte, "dass dem Genie eine gewisse Dosis von Tollheit beigemischt sei"25. Besonders einschneidend wirkt sich Kants Verdikt der Einbildungskraft aus, wo sie als Basis der Sympathiegefühle angesehen wird. Es geht um das Mitleid, Verliebtheit, unmittelbare Nachahmung. So ist dem Hypochonder der Besuch von Tollhäusern abzuraten – was wegen der abschreckenden Wirkung im Zeitalter der Aufklärung als Erziehungsmaßnahme üblich war - , "weil sie für ihren Kopf fürchten" müssten.26 Was die Verliebtheit angeht, notiert Kant: "Diese Krankheit, als Wirkung einer dichtenden Einbildungskraft, ist unheilbar: außer durch die Ehe."27 Die Disziplinierung der Vernunft auf der einen Seite, der Einbildungskraft auf der anderen: worauf es ankommt bei der Selbstkultivierung des Menschen zum sachlich urteilenden Subjekt, ist die Durchsetzung der Herrschaft des Verstandes. Um zum mit anderen geteilten Zusammenhang objektiver Erfahrungen beitragen zu können und in diesem Zusammenhang auch aufgehoben zu sein, ist es notwendig, das eigene Erkenntnisvermögen nach den Regeln der reinen Verstandesbegriffe zu stilisieren.. 24 25 26 27. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S. 472 (A 76). Ibid, aaO. S. 494 (A 103). Ibid, aaO. S. 482 (A 88). Ibid, aaO. S. 483 f. (A 90)..
(16) 32. NCCU Philosophical Journal Vol.13. 4. Zivilisierung In der Selbstkultivierung qua Zivilisierung geht es um die Ausbildung des Geschmacks. Der Geschmack ist, wie Kant als Überschrift des § 40 der Kritik der Urteilskraft formuliert, „eine Art von sensus communis“. Freilich Geschmack muß erst gesellschaftlich herausgebildet werden und der einzelne Mensch muß seine Präferenzen dementsprechend einrichten, sonst ist die Gesellschaft barbarisch28 und der Einzelne ein ästhetischer Egoist. Schon hier zeigt sich, dass es bei der Herausbildung des Geschmacks um die Integration des Einzelnen in einen gesitteten Lebenszusammenhang geht. Kant definiert in der Anthropologie Geschmack folgendermaßen: "Geschmack ist das Vermögen der ästhetischen Urteilskraft, allgemeingültig zu wählen" 29 . Es geht dabei um die Auswahl der Kleider, um die Ausstattung der Wohnung, um die Tafelmusik.30 Hier auf schöne Dinge Wert zu legen, ist ein Zeichen zivilisierten Lebens. "Für sich allein", heißt es in der Kritik der Urteilskraft, würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder seine Hütte noch sich selbst ausputzen oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Gesellschaft kommt es. 28. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S.565 (A 186). Ibid, aaO. S. 565 (A 186). 30 Siehe mein Buch Kants Kritik der Urteilskraft in neuer Sicht, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1999, bes. das Register der Beispiele. 29.
(17) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 33. ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern nach seiner Art eine feiner Mensch zu sein (der Anfang der Zivilisierung).“31 Kant schreibt dem Schönen im § 41 der Kritik der Urteilskraft mit dem Titel Von dem empirischen Interesse am Schönen eine gemeinschaftsstiftende Kraft zu – darin übrigens ganz einig mit Edmund Burke. Schöne Dinge sind von der Art, dass man bei ihnen das Wohlgefallen, das sie einem vermitteln, auch andern ansinnen kann. Das heißt soviel, dass man mit ihnen anderen Menschen die eigenen Gefühle vermitteln kann. Ich erläutere den Zusammenhang noch einmal mit Kants Worten: ..wenn man den Trieb zur Gesellschaft als dem Menschen natürlich, die Tauglichkeit aber und den Hang dazu, d.i. die Geselligkeit, zur Erfordernis des Menschen als für die Gesellschaft bestimmten Geschöpfs, also als zur Humanität gehörige Eigenschaft einräumt, so kann es nicht fehlen, dass man nicht auch den Geschmack als ein Beurteilungsvermögen alles dessen wodurch man sogar sein Gefühl jedem anderen mitteilen kann, mithin als Beförderungsmittel dessen, was eines jeden natürliche Neigung verlangt, ansehen sollte.32 Geschmack ausbilden heißt demnach die Fähigkeit auszubilden, mit dem, was vielleicht das Subjektivste ist, nämlich mit den Gefühle, in eine Gemeinschaft mit den Anderen einzutreten. Diese Eigenschaft gibt der Geschmacksbildung zugleich den Rang einer Vorschule der Moral. Man könne, so sagt Kant in dem von uns herangezognen Paragraphen der Kritik der Urteilskraft , "einen Übergang unseres Beurteilungsvermögens von dem Sinnengenuss zum Sittengefühl entdecken".33 Dieser Übergang ist für Kant von. 31. Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1790), Hamburg: Meiner 1959, S. 148 (A 161). 32 Kant, Kritik der Urteilskraft, aaO. S. 148 (A 160f.). 33 Ibid, aaO. S. 149 (A 164)..
(18) 34. NCCU Philosophical Journal Vol.13. höchster Bedeutung. Er ist nämlich der Meinung, dass im Zustand der Zivilisierung, in dem der Einzelne noch durchaus seinen eigenen Interessen folgt, er doch bereits durch die Anpassung an Geschmack und gute Sitte sich in ein Verhalten einübt, dass im Ergebnis den Forderungen der Moral entspricht, - auch wenn es nicht aus moralischer Gesinnung hervorgegangen ist. Das ist der Inhalt der Abschnitts Von dem erlaubten moralischen Schein.34 Der Geschmack als Handlungsmaxime führt zwar zu wohlanständigem Verhalten, nicht aber schon zur Moralität.. 5. Moralisierung In seiner Pädagogik schreibt Kant: Wir leben im Zeitpunkte der Disziplinierung, Kultur und Zivilisierung, aber noch lange nicht in dem Zeitpunkte der Moralisierung.35 Vielleicht ist dieser Zustand der Grund dafür, dass Kants Ausführungen zur Moralisierung des Menschen sehr viel spärlicher sind, als die zur Disziplinierung und Zivilisierung. Das Ziel ist zwar klar: es ist die Idee eines Reiches der vernünftigen Wesen, in dem jeder dem kategorischen Imperativ entsprechend handelt, d.h. so, dass die Maxime seines Handelns zugleich ein allgemeines Gesetz sein könnte. Doch wie wird man ein solcher Mensch? Unter der Perspektive der Selbstkultivierung ist es ja nicht damit getan, dass man ein System der Moral ausformuliert, es stellt sich vielmehr die Frage, welche Kompetenzen ein Mensch ausgebildet haben muß, um. 34. Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, aaO. S.442 ff. (A 42 ff.), vergl. Auch den Abschnitt Der Geschmack enthält eine Tendenz zur äußeren Beförderung der Moralität, aa0. 569 ff. (A 191 ff.) 35 Kant, Über Pädagogik, aaO. S. 708 (A 25)..
(19) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 35. diesem System entsprechend auch zu handeln. Im Unterschied zu gegenwärtigen Ethiken stellt sich Kant dieser Frage und stellt zunächst am Ende der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) fest, dass er damit in Verlegenheit ist: Wie nun aber reine Vernunft, ohne andere Triebfedern, ..., für sich selbst praktisch sein, d.i. wie das bloße Prinzip der Allgemeingültigkeit aller ihrer Maximen als Gesetze.... für sich selbst eine Triebfeder abgeben, und ein Interesse, welches rein moralisch heißen würde, bewirken, oder mit anderen Worten: wie reine Vernunft praktisch sein könne, das zu erklären, dazu ist alle menschliche Vernunft gänzlich unvermögend, und alle Mühe und Arbeit, hievon Erklärung zu suchen, ist verloren.36 Nun muß man allerdings sagen, dass Kant kaum Gelegenheit hatte, selbst Schritte zu Moralisierung seiner Person zu tun. Für die beruhigten bürgerlichen Verhältnisse, in denen er lebte, kam man allemal mit gesittetem Benehmen, also mit dem moralischen Schein aus. Man wüsste kaum zu sagen, an welcher Stelle es für Kant biographisch ernst geworden wäre.37 Doch es war klar, dass es im Bereich der praktischen Philosophie mit Theorie nicht getan sein kann, und so wendet er sich in seiner Kritik der praktischen Vernunft (1788) in dem Triebfederkapitel erneut dieser Frage zu. Dort nun findet er die gesuchte Kraft, die den Übergang vom moralischen Urteil zum moralischen Handeln bewirken soll, und zwar in der Achtung vor dem Gesetz.. 36. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), In: Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel) Bd. IV, Darmstadt: WB 1963, S. 99 (A 125). 37 Allenfalls Kants Verhalten gegenüber der preußischen Zensur könnte man als einen ernsten Fall ansehen. Zu Ernst als Charakteristikum moralischer Fragen siehe mein Buch Ethik im Kontext. Über den Umgang mit ernsten Fragen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 2. Aufl. 1998..
(20) 36. NCCU Philosophical Journal Vol.13. Zunächst könnte man denken, dass die bloße Übereinstimmung der subjektiven Maxime mit dem allgemeinen Gesetz ausreichen würde, um eine Handlung als moralisch zu bezeichnen. Kant besteht aber darauf, dass eine Handlung, um moralisch zu sein, nicht bloß legal sein darf, sondern ihr Motiv selbst aus der Gesetzmäßigkeit erhalten muß. Die Triebfeder fürs Handeln muß das moralische Gesetz selbst sein. Wie das zugehen kann, zeigt Kant in der Kritik der praktischen Vernunft durch eine ziemlich raffinierte psychologische Überlegung: Das moralische Gesetz weist alle unsere subjektiven Neigungen ab und tut unserer empirischen Selbstschätzung Abbruch – all das, was zu mir gehört, wird nicht als Bestimmungsgrund meiner Handlungen zugelassen. Die Wirkung dieser Abweisung aufs Gemüt ist negativ, sie erzeugt ein Gefühl der Demütigung. Dieses Gefühl jedoch schlägt in ein positives Gefühl um, nämlich in das Gefühl der Achtung vor dem Gesetz. Dieses Gefühl der Achtung wird dann als die Triebfeder für moralisches Verhalten bezeichnet. Ich zitiere die kürzeste Formulierung, die Kant für diesen Zusammenhang gibt: Dasjenige, dessen Vorstellung, als Bestimmungsgrund unseres Willens, uns in unserm Selbstbewusstsein demütigt, erweckt, so fern als es positiv und Bestimmungsgrund ist, für sich Achtung.38 Vergleicht man diesen Prozess der Moralisierung des Einzelmenschen durch Demütigung und Erweckung der Achtung vorm Gesetz mit den Prozessen der Disziplinierung und Zivilisierung, so vermisst man hier noch das gesellschaftliche Pendant. Dort nämlich korrespondierte der Disziplinierung der subjektiven Erkenntnisweise die Herausbildung eines intersubjektiven Erfahrungszusammenhanges, und der Bildung des subjektiven Geschmacks der Commonsense der zivilisierten Gesellschaft. 38. Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788), ), In: Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel) Bd. IV, Darmstadt: WB 1963, S. 195 (A 132)..
(21) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 37. bezüglich dessen, was schön ist und sich gehört. Im Bereich des Moralischen könnte man auf das Reich der vernünftigen Wesen verweisen. Doch diese Idee enthält noch nicht die intersubjektive Einbettung des einzelnen moralischen Subjektes in einen intersubjektiven Zusammenhang. Diesen nun finden wir in Kants politischer Philosophie: es ist die Republik, die er sich als Realisierung der praktischen Vernunft denkt. Er stellt sich Republik als die Staatsform vor, in der die Freiheit des einzelnen realisiert ist, weil unter den Gesetzen, die notwendig Unterwerfung verlangen, nur solche sind, denen jedermann zustimmen kann. Die Freiheit im Konkreten, von Kant auch äußerliche Freiheit genannt, ist nämlich "die Befugnis keinen äußeren Gesetzen zu gehorchen, als zu denen ich meine Beistimmung habe geben können"39. Danach lässt sich verstehen, dass Kant sich noch nicht im Zeitpunkte der Moralisierung fühlte, wenngleich die Französische Revolution ihm Hoffnung gegeben hat, dass sich die Menschheit in dieser Richtung fortentwickeln werde.40. 6. Ein anderes europäisches Selbstkultivierung?. Konzept. der. Wenn wir uns am Ende dieser Revision des Programms europäischer Selbstkultivierung, wie es sich im Zeitalter der Aufklärung entwickelt hat, fragen, was wir daraus für Konsequenzen ziehen müssen, dann befinden wir uns zunächst in Verlegenheit. Die. 39. Kant, Zum ewigen Frieden (1795), in: Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel) Bd. VI, Darmstadt: WB 1964, S. 204 (A 21). 40 Sie dazu Kants Text mit dem Titel "Erneuerte Frage: Ob das menschliche Geschlecht im beständigen Fortschreiten zum Besseren sei?" im Buch Der Streit der Fakultäten (1798), in: Werke in sechs Bänden (hrsg. v. W. Weischedel), Bd. VI, Darmstadt: WB 1964..
(22) 38. NCCU Philosophical Journal Vol.13. Großartigkeit dieses Entwurfes steht ja außer Zweifel und auch, was dabei herausgekommen ist: die objektive Wissenschaft, die gesittete bürgerliche Lebensform, der demokratische Rechtsstaat. Wenn man allerdings nach dem Menschentyp fragt, der dazugehört, so wird man doch Angesichts des Adornoschen Verdikts nachdenklich. Waren Menschen dieser Kultur darauf vorbereitet, waren sie in der Lage, in Zeiten des Nationalsozialismus Widerstand zu leisten? Die Antwort darauf muß allerdings Nein sein. Doch fragt man sich, ob man das überhaupt von einem solchen Programm der Selbstkultivierung hätte erwarten sollen. Es war ja von Vornherein auf eine Harmonie zwischen dem Allgemeinen und dem Einzelnen angelegt. An so etwas wie alternative Wissensformen, Multikulturalität, Zivilcourage war ja in diesem System gar nicht zu denken. Gehen wir die einzelne Bereiche der Selbstkultivierung, die wir bei Kant vorfanden, noch einmal kritisch durch: Die Disziplinierung des Subjektes zum Träger objektiven Wissens zeigte ja bereits in der nüchternen Deskription einen bedenklichen Rigorismus. Auf Seiten des Subjektes bedeutet Disziplinierung eine Diskreditierung jeglicher subjektiver Erfahrung und Kreativität. Das Subjekt, das dabei herauskam, erwies sich als höchst labil, weil es beständig von dem bedrängt wird, was es an sich nicht zulassen sollte: Phantasie, leibliche Regungen, Anmutungen. Auf der Seite des Wissen konnte nur akzeptiert werden, was sich der Einheit des gemeinsamen Erfahrungszusammenhanges fügte. Damit waren subjektive Erfahrungen, wie alternative Wissensformen ausgeschlossen. Die Ausbildung des Menschen zum feinen Menschen implizierte von vornherein eine Absetzung vom Wilden, vom Unzivilisierten, vom Naturmenschen. Hier am deutlichsten schlägt die Arroganz der Aufklärung durch, die den europäischen Menschen auf Grund seiner Zivilisation an der Spitze der Menschheitsentwicklung sah. Auch der Kantische Text ist voll von verächtlichen oder herablassenden Bemerkungen über die Wilden,.
(23) Disziplinierung,Zivilisierung,Moralisierung 39. die Kariben, - und übrigens auch über die Frauen. Dabei wird in der Regel nicht einmal unterstellt, dass die anderen Kulturen und Ethnien entwicklungsfähig seien - bei Hegel wird das ja wenig später dem schwarzen Kontinent explizit abgesprochen. Und was die Frauen angeht, so sind sie bei Kant in das Programm der Kultivierung zum Vernunftmenschen gar nicht erst integriert, weil sie – gut rousseauisch – möglichst natürlich gehalten werden sollen. Ihre Unmündigkeit gehört fest zu ihrem Geschlechtscharakter. In diesem Rahmen kann natürlich der Gedanke, dass Geschmackbildung und Gesittung gerade ein Prinzip der Besonderung sein könnte, gar nicht aufkommen. Die Diskriminierung, die damit verbunden ist, wird notwendig zur Herrschaftsideologie. Schließlich die Moralisierung des Menschen als psychischer Mechanismus, auf Grund dessen der Einzelne durch Demütigung seines Selbstbewusstseins zur Achtung vor dem Gesetz geführt wird. Es ist kein Zweifel, dass wir es hier mit dem autoritären Charakter zu tun haben: durchs Gehorchen-Lernen zum Befehlen kommen. Es ist kein Wunder, dass Kant vom Staatsbürger immer qua Untertan spricht. Das kann nur gut gehen in jener utopischen Harmonie von moralischem Subjekt und Rechtsstaat, die Kant unter dem Stichwort Republik vorschwebte. Wo diese Harmonie zerbrach oder gar nicht erst vorhanden war, wurde das einzelne Subjekt zum Handlanger oder zum gelähmten Objekt der Verhältnisse. Die Identifikation des Guten mit dem Allgemeinen, ließ so etwas wie Situationsethik oder die strikte Verbindlichkeit gegenüber diesem einen Menschen hier gar nicht erst aufkommen. Damit sind ex negativo die Eckpunkte eines neuen Konzeptes der Selbstkultivierung zumindest angedeutet. Es geht um eine Wiederaneignung der Natur im Menschen, um das, was Kant klassisch die Animalität nannte, es geht also um Leib-sein-Können. Es geht um eine Rehabilitierung der Subjektivität, die Zulassung eines Wissens subjektiver Tatsachen. Es geht um eine Ethik des Pathischen, um die Anerkennung von Kontingenz, um die Sensibilisierung für die ethische Relevanz von Situationen. Es geht.
(24) 40. NCCU Philosophical Journal Vol.13. um die Entwicklung von Handlungskompetenzen, die nicht voraussetzen, dass das Ganze, der Staat, der Markt, die Medien das Wahre ist. Es geht also um die Einübung in Widerstand, um die Kraft zur Zivilcourage, den Mut zur Abweichung. Um das Ziel vorgreifend auf eine Formel zu bringen: nicht das autonome Vernunftsubjekt kann weiterhin das Ideal der Selbstkultivierung sein. Vielmehr ist es der souveräne Mensch, den Sigmund Freud durch die Forderungen charakterisiert hat: Lieben können, Arbeiten können, Frustrationen hinnehmen können.41. 41. Siehe zum Konzept des souveränen Menschen mein Buch Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Darmstädter Vorlesungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1985, 2. Aufl. 1987, 3. erw. Aufl. 1991, 4. Aufl. 1994, S. 287..
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